Meine persönliche Biografie lies nicht unbedingt vermuten, dass mich Fußball je wieder faszinieren könnte. Als Kind in den Fußballverein “genötigt”, mein top-begabter, älterer Bruder als Vorbild, Trainer, die ihre Profilneurose den Kindern gegenüber ausspielten und überhaupt diese ganze Vereinsmeierei…

Erst durch meinen Sohn bin ich vor einigen Jahren wieder auf das Thema Fußball gekommen, das ich bis dahin über viele Jahre geflissentlich ignoriert habe und seither mit Interesse verfolge und zwar durchaus nicht nur aus sportlichem Interesse.

Abgesehen davon, dass mich seinerzeit nach jahrelanger Abstinenz der geradezu “choreografische” Auftritt und das erkennbare Team-Play überraschte und der Panzer-Fußball, den ich von ganz früher noch in Erinnerung hatte, wohl gänzlich ausgemistet schien, stellen sich mir bei näherer Betrachtung noch andere Aspekte dar. In der Fußballwelt finden sich eine Vielzahl von gesellschaftlichen Themen wieder, denen ich auch in politischer und unternehmerischer Hinsicht begegne.

Ich muss vorab gestehen, dass ich die Bedeutung des Regionalbezugs lange nicht nur unterschätzt sondern im Grunde gar nicht erst gesehen habe. Die Leistungen eines Sport-Clubs stehen in nicht zu unterschätzendem Maße für die Identifikation seiner Bewohner zu seiner Region, zumindest unter der Voraussetzung, dass man sich zum einen wenigsten minimal für das sportliche Thema interessiert und weiterhin regionale Meldungen überhaupt wahrnimmt. Der Erfolg kann eine weit überregionale Ausstrahlung erhalten, genauso wie das VW-Werk von Wolfsburg oder der Chemie-Gigant in Leverkusen. Man rufe sich hier übrigens auch den Paderborn-Effekt nach dem Aufstieg in die erste Bundesliga in Erinnerung. Soweit ich das beobachten kann, betrifft das keineswegs nur Männer, sondern in ähnlichem Maße auch Frauen.

Wenig verwunderlich, dass es in jeder Stadt eine Art “Hofberichterstattung” in Form einer regionalen Zeitung für den jeweiligen Club zu geben scheint. Entscheidungen, die im Management getroffen werden, werden aktiv verfolgt und intensiv diskutiert und in einer Weise ernst genommen, dass man sich manchmal wundern muss. Macht man das in “seinem” Unternehmen oder “seiner” Behörde auch? Ich habe den Eindruck, dass Management-Entscheidungen im eigenen Umfeld bestenfalls “zur Kenntnis” genommen werden, mitunter wenig verwunderlich, da ja offenbar unentwegt der Eindruck vermittelt wird, dass der eigene Einfluss eher als gering zu sehen ist. Warum aber werden die Entscheidungen des Trainers oder des Sportdirektors vom “FC Irgendwo” so energisch begleitet?

In mindestens einer Hinsicht finde ich die Management-Politik im “Fußball-DAX” (also erste Bundesliga, und das gilt wohl auch für den “Fußball-MDAX”, also die zweite Liga) von bewundernswerter Konsequenz: Wenn es der Trainer, der sich für den Personaleinsatz zu rechtfertigen hat, “nicht bringt” ist es nur eine Frage der Zeit, bis er “den Hut nehmen” kann. Ein Misserfolg muss ja keineswegs immer und ausschließlich am Trainer liegen, auch der unterliegt ja einer Vielzahl weiterer Entscheidungen anderer Instanzen, die wiederum teils vom Budget abhängen, aber ER zeichnet für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich. In welchem Unternehmen oder welcher Partei wird so etwas derart konsequent umgesetzt?

Manche Unternehmen verfügen über herausragende Personal-Führer. Von ganz besonders herausragender Bedeutung, als Ausnahmeerscheinung, als “Lichtgestalt” geradezu — und zwar durchaus überregional — kann hier Jürgen Klopp genannt werden. Der Beliebtheitsgrad dieses Personalmanagers, der dem BVB und der Region viele Sympathien entgegenbrachte und somit als Werbeträger des Unternehmens BVB galt, war derart überragend, dass ihm auch seine Misserfolge nur in geringem Maße vorgehalten wurden. ER SELBST musste sich aus dem Rennen nehmen und wurde dann in Berlin nach der Niederlage gegen Wolfsburg im DFB-Pokal-Finale unter Tränen verabschiedet. Der Trainerwechsel wird sich auf das gesamte Erscheinungsbild und die Ausstrahlung des Unternehmens auswirken. Als Vergleich auf unternehmerischer Ebene fällt mit hierzu nur Steve Jobs ein.

Überhaupt liegt ein ganz besonderer Fokus auf der Personalpolitik und dem Personalmanagement. Wer spielt an welcher Position? Werden Talente gezielt genutzt, verschwendet oder gar gezielt deaktiviert? Spielt ein Spieler an seiner “Lieblingsposition” und kann sich seiner Fähigkeit nach entfalten? Manchmal hört man von einem “umgeschulten Sechser” o.ä. Das Personal im Unternehmen Fußball befindet sich in einer im Grunde merkwürdigen Situation. Vom zuvor genannten Regionalbezug ist bei dem Personal nicht unbedingt auszugehen. Wo liegt also seine Motivation? Jeder will Stammspieler werden und bleiben. Aber nichts ist so unsicher und hart umkämpft wie ein Stammspieler-Platz. Diese Erfahrung müssen auch Spieler wie Weidenfeller, Podolski, Götze und Co. machen. Ist ein Platz erst mal längerfristig verloren, kann das gesamte Ansehen durch “vergessen” und damit die gesamte Karriere auf dem Spiel stehen. Vom Spielerpersonal wird erwartet, dass es sich Team-fähig und dabei maximal effektiv verhält und keine Solo-Orgien veranstaltet. Nur dann hat er sich qualifiziert verhalten und darf darauf hoffen, auch für andere Unternehmen interessant zu sein und somit ggf. seinen Wert zu erhalten oder gar zu erhöhen. Aber auch hier gibt es Ausnahmen. Die “einsamen Stürmer”, denen es verziehen wird, dass ihnen “nur” zugespielt wird, die “auf den Ball warten” um daraus dann allerdings genieartig etwas zu “zaubern”. Aber wehe, das geht mehr als zweimal schief, dann ist es aus mit der Individualität!

Eine besondere Rolle spielt bei Regionalbezug zum einen und Motivation zum anderen das Lokal-Derby. Eine Veranstaltung, die von den Fans wider besseres Wissen mit ganz besonderen Anforderungen an das Personal seines Clubs begleitet wird. Da aber die Spieler zumeist weder mit der Region und somit schon gar nicht mit der Derby-Bedeutung irgendetwas zu tun haben, findet die engstirnige Auseinandersetzung ganz auf Seiten der Fans statt. Die Spieler “müssen” sich hier sogar heraushalten, besteht doch die “Gefahr”, dass ein Spieler aufgrund seiner unsicheren Job-Situation schon morgen bei dem Konkurrenten anheuert oder von dem angefragt wird, was seitens der Fans als “unverzeihlich” betrachtet wird (sich aber zumeist nach einiger Zeit wieder beruhigt, siehe der Wechsel von Neuer zum FCB).

Standardsituationen: eine Ecke wird von demjenigen ausgeführt, der das am besten kann, ebenso Einwurf, Freistoß etc. Standardsituationen werden ausgiebig trainiert, das Personal wird eingearbeitet und weiter geschult. Jeder Trainer wertet Standardsituationen auf seine Weise. Auffällig ist aber: wer Standardsituationen nicht beherrscht oder lange nicht trainiert hat, kann an entscheidender Stelle scheitern. Eine wichtige Präsentation sollte auch von dem Mitarbeiter vorgenommen werden, der sich “mit so etwas auskennt”. Einen geradezu “grausamen” Eindruck erhielt man durch das unvergessliche Elfmeterschießen beim DFB-Halbfinale FCB vs. BVB, hier wurde anschließend konstatiert, dass die Bayern es ewig nicht für nötig befunden hätten, sich auf derartige Situationen vorzubereiten (ob das auch stimmt, entzieht sich natürlich meinen Verifikationsmöglichkeiten). “Standardsituation” klingt nach “Routine”, sollte aber keineswegs unterbewertet werden. Wenn die Routine-Abläufe nicht stimmen, werden die Top-Produkte auch nichts. Ein technisches Spitzengerät kann nicht auf einem Band montiert werden, das saumäßig gewartet wird, eine Analyse kann keine aussagefähigen Ergebnisse liefern, wenn die Daten schlecht gepflegt und nicht vernünftig bereinigt werden.

Den Gegner schwächen: Besteht die Gefahr, dass ein Gegner gefährlich wird, wird dem das Personal “weggekauft”. Recht “energisch” scheint sich hier der FCB hervorzutun. Das finden wir aber auch in der Wirtschaft. Apple und Google hatten sogar eine Weile eine Art “Nichtangriffspackt” in Punkto “abwerben” (bis es dann von der US-Kartell-Behörde aufgedeckt wurde). Es hat auch schon Unternehmensübernahmen gegeben, um an das Personal heranzukommen!! Das übernommene Unternehmen wurde kurzerhand abgewickelt. DAS wird uns im Fußball hoffentlich erspart bleiben, aber dass Götze UND Levandovski nach Bayern gewechselt sind, hat den BVB schon erkennbar geschwächt.

Scheitern: Das 7:1 bei der WM in Brasilien ist nicht nur für Deutschland unvergesslich. Übrigens auch durchaus nicht nur für Brasilien. Das Ergebnis (und seine Folgen) fand weltweite Beachtung. Unmittelbar nach dem Spiel wurden auch schon die “Schuldigen” ausgemacht, übrigens von der brasilianischen Presse. Fairerweise wurde durchaus keineswegs den Spielern die alleinige Schuld in die Schuhe geschoben, auch nicht dem Trainer, sondern dem gesamten System “Brasilianischer Fußball”. Es wurde explizit herausgestellt, dass “die Deutschen” ein System etabliert haben, welches es ermöglicht, dass der Nachwuchs gefördert und dann auch gefordert wird. Es wurde eine Abkehr von “ewig gestrigen System” gefordert und dazu aufgerufen von den Siegern zu lernen. Das fand ich äußerst beachtlich, sehen wir hier doch ein gelungenes Beispiel dafür, wie aus dem Scheitern gelernt werden kann. Nun läuft die brasilianische Nationalmannschaft wohl nicht Gefahr “abgewickelt” zu werden, hätte es sich aber im internationalen Wettkampf um ein Unternehmen gehandelt, das NICHT in der Lage gewesen wäre aus seinem Scheitern zu lernen, hätte es das AUS bedeuten können. In der Geschichte, auch in der jüngeren, finden sich hierfür durchaus Beispiele: Unternehmen, die gestern noch top waren und schon morgen von einer weiterführenden Entwicklung überrollt wurden. Der “ewige Erfolg” verleitet manche Unternehmen dazu, zum nicht mehr steuerbaren Dampfer zu erstarren, an seiner schieren Größe zu ersticken und erst dann aufzuwachen, wenn man definitiv mehrfach von rechts und links überholt wurde.

Wie kann man bei all dem, abgesehen vom Regionalbezug, ein “Fan” einer bestimmen Mannschaft sein? Ich muss gestehen, dass ich es hier wie mein Sohn halte. DER ist nämlich nicht Fan vom “FC Irgendwo” sondern von bestimmten Spielern.

Thorsten Lieder. Aus dem leidgeprüften Hannover übrigens ;-) www.tensai.de

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